Lacke & Farben aktuell

Serie: European Green Deal (VIII)

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Gewaltige Auswirkungen

Die Maßnahmen der Chemikalienstrategie für Nachhaltigkeit der EU-Kommission werden einen erheblichen Umformulierungsaufwand mit sich bringen. Doch der Austausch von Stoffen in Farbrezepturen ist ein langwieriger und aufwändiger Prozess, der Jahre in Anspruch nehmen kann.

Die deutsche Lack- und Druckfarbenindustrie befindet sich im ständigen Wandel. Und so gehört auch der Austausch von Stoffen in Farbrezepturen zum Geschäft eines jeden Unternehmens. Treiber für den Austausch von Stoffen sind Produktinnovationen, nachfragespezifische Rezepturanpassungen, Selbstverpflichtungen und zunehmend auch regulatorische Anforderungen. Die Substitution von Stoffen in Farbrezepturen ist in aller Regel ein zeitintensiver und aufwendiger Prozess, und benötigt einen erheblichen Einsatz von Ressourcen.

Pauschale Einschränkungen

Die Chemikalienstrategie für Nachhaltigkeit (CSS) bündelt eine Vielzahl zusätzlicher regulatorischer Maßnahmen, die alle einen erheblichen Umformulierungsaufwand nach sich ziehen werden und die mittelständisch geprägte und anwendungsorientierte Lack- und Druckfarbenindustrie erheblich zu belasten drohen. Insbesondere das Einführen eines sogenannten generischen Risikomanagementansatzes, der pauschal den Einsatz gesamter Stoffgruppen einschränkt, hat gewaltige Auswirkungen auf das zukünftige Formulieren von Farbrezepturen. Denn auch potenzielle Ersatzstoffe stammen zumeist aus der zugehörigen Stoffgruppe und können dann ebenfalls nicht als Substitutionsquelle in Betracht gezogen werden.

Um die Auswirkungen der CSS genauer zu untersuchen, hat der europäische Verband der chemischen Industrie Cefic eine ökonomische Folgenanalyse in Auftrag gegeben. Die Studie stellt dar, dass die Lack- und Druckfarbenindustrie aufgrund ihrer Rezepturvielfalt mit zu den am stärksten betroffenen Abnehmerbranchen der chemischen Rohstoffindustrie zählt.

“The EU chemicals industry is a major supplier of all manufacturing industries and essential and strategic value chains, including pharmaceuticals, electronics, EV batteries, construction materials. The intended policy changes coming with CSS will also create a significant “ripple effect” across many value chains relying on chemicals.” Dr. Martin Brudermüller, Cefic-Präsident

Hersteller von Farben, Lacken und Druckfarben sind auf eine breite Rohstoffpalette angewiesen

Die Hersteller von Farben, Lacken und Druckfarben sind auf eine breite Basis chemischer Rohstoffe angewiesen, damit die gewohnte Vielfalt an qualitativ hochwertigen und spezialisierten Beschichtungsprodukten auch in Zukunft verfügbar bleibt. Um jedoch auch die Ziele des Green Deals zu erfüllen, sind verschiedenste Nachhaltigkeitsfunktionen zu berücksichtigen.

Jeder Farbhersteller verfügt über eine individuelle Rohstoffpalette, die ca. 1.000 bis 2.000 Stoffe umfasst. Rohstoffe können dabei Einzelstoffe sein, in den meisten Fällen sind es aber Gemische von verschiedenen Einzelstoffen. Jede Farbrezeptur besteht in der Regel aus einer Mischung von 10 bis 60 Stoffen. In jeder Rezeptur sind alle Bestandteile sorgfältig aufeinander abgestimmt, sodass der Austausch eines einzelnen Stoffes häufig ein Anpassen der gesamten Rezeptur zur Folge hat.

Prozess hat keine Erfolgsgarantie

Der Stoffaustausch ist kein simpler Prozess. Im Gegenteil: Es ist ein komplexer, ressourcenintensiver und iterativer Vorgang ohne Erfolgsgarantie Zwei bis drei Jahre, in Ausnahmefällen jedoch auch bis zu zehn Jahre kann diese ausprobierende Forschung in Anspruch nehmen (s. Schaubild nächste Seite). Bis eine neue Rezeptur die Marktreife erlangt, sind unzählige Laborrezepturen ausgiebig getestet worden. Selbst wenn eine neue Farbrezeptur entwickelt werden konnte, hängt eine erfolgreiche Umsetzung auch von der Verfügbarkeit des Ersatzstoffes sowie maßgeblich von der Kundenseite ab. Dabei müssen mögliche Auswirkungen beispielsweise auf Produktperformance, Verarbeitbarkeit, Systemkompatibilität und Lagerfähigkeit sorgfältig berücksichtigt werden. Schließlich hängt der Einsatz eines Ersatzstoffes auch von dessen eigener Einstufung ab.

Fazit

Die CSS droht die deutsche Lack- und Druckfarbenindustrie erheblich zu belasten und gefährdet auch die breite und vielfältige Verfügbarkeit von sicher verwendbaren Farben, Lacken und Druckfarben europäischer Herkunft. Der zum Stoffaustausch benötigte hohe Zeit- und Ressourcenaufwand stellt insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) vor immense Herausforderungen. Zusätzlich erschwert die Marktposition von KMU die Beschaffung verknappter Ersatzstoffe.

Zu den unterschiedlichen Zielen des Green Deals auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Gesellschaft können Farben und Lacke wesentliche Beiträge leisten: So reduzieren leistungsstarke Lacke den Treibstoffbedarf von Autos, Lastkraftwagen, Zügen, Schiffen und Flugzeugen. Pulverlacke schützen temperatursensible Elektrokomponenten in E-Autos. Wichtige Elemente der Verkehrs- und Mobilitätswende können dadurch erst wirken. Die Energiewende kann ohne Strommasten und Windräder nicht gelingen, Korrosionsschutzmittel verlängern deren Nutzungsdauer erheblich (mehr auf den Seiten 32 und 38). Intelligenter Einsatz von Druckfarben ermöglicht vielseitiges Recycling im Sinne einer Kreislaufwirtschaft und Bautenanstrichmittel tragen ganz im Sinne der Renovierungswelle zur Gebäude-Energieeffizienz bei.

Eine eingeschränkte Basis chemischer Rohstoffe gefährdet jedoch solche Produktfunktionalitäten. Die CSS verursacht also Zielkonflikte im Gesamtkonstrukt des europäischen Green Deals. Der VdL setzt sich deshalb dafür ein, dass die CSS auf solider wissenschaftlicher Basis ausgestaltet und praktikabel umgesetzt werden soll. Die überaus ambitionierte Zeitplanung der geforderten industriellen Transformationsleistung darf Unternehmen nicht zu stark belasten und muss wissenschaftliche Grenzen berücksichtigen.

Austausch von Stoffen in Farbrezepturen


Der europäische Green Deal soll das Fundament für eine nachhaltige Europäische Union schaffen und verspricht nicht weniger als eine umfangreiche Transformation der europäischen Wirtschaft. Die neue Wachstumsstrategie soll Europa den Weg zu einer modernen, ressourceneffizienten und kreislauforientierten Wirtschaft weisen und gleichzeitig deren Wettbewerbsfähigkeit steigern. Das alles unter der Prämisse der Netto-Klimaneutralität bis 2050. Europa würde dadurch zum ersten klimaneutralen Kontinent der Welt aufsteigen.


Lucas Schmidt-Weihrich
ist Referent für Public Affairs
beim VdL.
schmidt-weihrich@vci.de