Lacke & Farben aktuell

Serie: European Green Deal (VI)

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Chemikalienstrategie: In Zukunft nur noch sichere und nachhaltige Stoffe?

Der europäische Green Deal soll das Fundament für eine nachhaltige Europäische Union schaffen und verspricht nicht weniger als eine umfangreiche Transformation der europäischen Wirtschaft.

Die neue Wachstumsstrategie soll Europa den Weg zu einer modernen, ressourceneffizienten und kreislauforientierten Wirtschaft weisen und gleichzeitig ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern. Das alles unter der Prämisse der Netto-Klimaneutralität bis 2050. Europa würde dadurch zum ersten klimaneutralen Kontinent der Welt aufsteigen.

Ein wichtiger Baustein des Green Deals ist die Chemikalienstrategie für Nachhaltigkeit (CSS). Darin stellt die EU-Kommission fest: „Der Übergang zu inhärent sicheren und nachhaltigen Chemikalien ist nicht nur eine dringende gesellschaftliche Notwendigkeit, sondern auch eine wichtige ökonomische Chance.“ Doch was „inhärent sicher und nachhaltig“ tatsächlich bedeutet, kann bisher nur vermutet werden. Mit Definitionskriterien ist erst im Laufe des Jahres 2022 zu rechnen. Aus der CSS lässt sich lediglich entnehmen, dass es um die Vermeidung bestimmter Eigenschaft gehen und die Gesamtnachhaltigkeit gewährleistet werden soll, „indem der Umweltfußabdruck von Chemikalien, namentlich in Bezug auf Klimawandel, Ressourcenverbrauch, Ökosysteme und biologische Vielfalt, unter Betrachtung des gesamten Lebenszyklus minimiert wird“. Dass damit sowohl chemische Grundstoffe als auch chemische Produkte adressiert werden, hat die EU-Kommission in verschiedenen Konferenzen klargestellt.

Verwendung inhärent sicherer und nachhaltiger Chemikalien durch Design?

Die Minimierung des ökologischen Fußabdrucks von chemischen Stoffen und Produkten ist ein wichtiges Instrument, um Ziele in Bezug auf Klimawandel, Ressourcennutzung, Ökosysteme und biologische Vielfalt zu erreichen. Dies wird von der deutschen Lack- und Druckfarbenindustrie unterstützt. Nachhaltigkeit muss jedoch ganzheitlich verstanden und gelebt werden, so wie es auch die UN-Nachhaltigkeitsziele (SDG) definieren.

Farben, Lacke und Druckfarben leisten einen wesentlichen Beitrag zu diesen Zielen. Schließlich ist die sorgfältige Auswahl von Rohstoffen und der weitgehende Verzicht auf gesundheits- und umweltschädliche Chemikalien ein wichtiger Aspekt. Sich jedoch nur auf die Eigenschaften der Stoffe zu konzentrieren, wird der Komplexität des Problems nicht gerecht. Um die ehrgeizigen Ziele des Green Deals und der SDGs zu erreichen, ist ein ganzheitlicher und komplexerer Ansatz erforderlich, der wissenschaftliche Grenzen akzeptiert und Zielkonflikte berücksichtigt. Denn aus wissenschaftlicher Sicht ist ein chemischer Stoff als solcher weder inhärent sicher noch nachhaltig. Erst die tatsächliche Anwendung definiert diese Eigenschaften. Im Falle der Nachhaltigkeit hängen diese Attribute sogar vom gesamten Lebenszyklus ab.

Auch ein aktueller wissenschaftlicher Artikel, der von Experten des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) veröffentlicht wurde, kommt zu dem Schluss, dass es aus toxikologischer Sicht keine inhärent sicheren Chemischen Stoffe geben kann.

Farben, Lacke und Druckfarben

Im Gegensatz zu chemischen Stoffen ist das Festlegen von Kriterien für die Sicherheit und Nachhaltigkeit von chemischen Produkten wie Farben, Lacken oder Druckfarben bis zu einem gewissen Grad möglich, aber sehr anspruchsvoll. Auch in diesem Fall ist ein ganzheitlicher Ansatz erforderlich, der zwischen verschiedenen Anwendungen und Technologien differenziert: angefangen bei den Rohstoffen, über die Herstellung und Anwendung bis hin zu der Nutzungsphase des beschichteten oder bedruckten Produkts und bis an dessen Lebensende.

Diese Nutzungsphase spielt eine sehr wichtige Rolle im Lebenszyklus. Beschichtungen werden in der Regel aufgetragen, um bestimmte Produkte, sei es eine Windkraftanlage oder eine Stahlbrücke, zu schützen und ihre Lebensdauer zu verlängern. Dies steht im Einklang mit den Zielen einer effizienten Kreislaufwirtschaft, welche eine lange Lebensdauer und Abfallvermeidung vorsehen. Diese Funktionen können nur erreicht werden, wenn die richtigen chemischen Stoffe mit den richtigen Eigenschaften verwendet werden. Je nach Anwendung kann es sich dabei auch um Stoffe handeln, die nach bestimmten Gefahrenklassen eingestuft sind.

Schließlich müssen auch das Ende des Lebenszyklus und die verschiedenen Möglichkeiten innerhalb der Kreislaufwirtschaft berücksichtigt werden. Beschichtete oder bedruckte Produkte können häufig wiederverwendet oder recycelt werden. Manchmal beinhaltet die Wiederverwendung einen Aufarbeitungsschritt, bei dem beispielsweise die Beschichtung erneuert wird. In der Regel muss das Substrat, auf das die Beschichtung oder Druckfarbe aufgetragen wird, bis zu einem gewissen Grad rezyklierbar sein. Die Herausforderung besteht darin, Farben, Lacke und Druckfarben zu entwickeln, die ihre beabsichtigte Funktion erfüllen, ohne den Recyclingprozess zu behindern. Manchmal stehen jedoch die Eigenschaften, die für die Nutzungsphase wichtig sind (z. B. Haltbarkeit), im Widerspruch zur Recyclingfähigkeit. Alle verschiedenen Kreisläufe (siehe Grafik 1) müssen daher bei einem Design for Circularity berücksichtigt werden, das dann mit den anderen oben erläuterten Faktoren zu einem echten Design for Sustainability kombiniert werden kann.

Der VdL hat ein Positionspapier zu diesem Thema veröffentlicht.

 

Dr. Christof Walter
ist Leiter Technik beim VdL
mit den Schwerpunkten Biozide,
Druckfarben und Produktinformationen.
walter@vci.de

Lucas Schmidt-Weihrich
ist Referent für Public Affairs
beim VdL.
schmidt-weihrich@vci.de