Lacke & Farben aktuell

Mit Kribbeln auf dem „European Industry Summit“

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Herr Borgholte mit EU-Kommisar Wopke Hoekstra links

Herr Borgholte, der diesjährige „European Industry Summit“ am 11. Februar war wohl einer der größten Industriegipfel des Jahres mit vielen Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft: Sie haben die Branche dort vertreten, mit welchen Vorstellungen sind Sie nach Antwerpen gefahren?

Ich bin nach Antwerpen gefahren, um die Präsenz der deutschen Lack- Druckfarbenindustrie dort darzustellen. Ich wollte Eindrücke gewinnen, welche Reaktionen oder welche Impulse wir von der Politik und von anderen Industrie- vertretern bekommen können.

Und haben Sie solche Impulse gefunden?

Ich habe relativ deutlich wahrgenommen, dass unsere führenden Politiker und anwesenden Regierungschefs sowohl in der europäischen Kommission als auch in den Mitgliedstaaten die ernsthafte Absicht haben, die Industrie zu fördern und die belastenden Beschränkungen, zumindest zu vereinfachen. Der EU-Umweltkommissar Wopke Hoekstra, mit dem ich sogar persönlich sprechen konnte, hat es so ausgedrückt: Ziel müsse sein, „die europäische Wirtschaft wieder wettbewerbsfähig“ zu machen.

Was erlebt man auf so einem Gipfel mit Hunderten hochrangiger Politiker, Konzernbosse und Regierungschefs?

Man hat schon ein Kribbeln im Bauch, wenn man von mit Maschinengewehren bewaffneten Personen schon am Zugang zur Straße, in der die alte Handelsbörse von Antwerpen liegt, kontrolliert wird. Man wird alle paar Meter auf unterschiedlichste Weise kontrolliert, durchgecheckt und muss sich mehrfach registrieren. Und dann steht man plötzlich einen Meter vor Emmanuel Macron entfernt, oder Ursula von der Leyen läuft vorbei – das ist schon aufregend. Die Location war jedenfalls großartig, und die ganze Veranstaltung war hervorragend organisiert von der Cefic. Genau der richtige Ort und Zeitpunkt, um einen Tag vor dem Treffen der Regierungen Botschaften zu setzen. Es gab viele Möglichkeiten in Kontakt zu kommen und sich trotz des Trubels in Ruhe auszutauschen.

Was waren Ihre persönlichen Highlights?

Ich stand zufällig dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron gegenüber und konnte ein paar freundliche Worte mit ihm wechseln. Er hat tatsächlich einen weiß uniformierten Mitarbeiter, der Akten und Unterlagen würdevoll vor ihm herträgt … sehr beeindruckend! Aber ernsthaft: Es war sehr interessant, den Vorträgen der Regierungschefs etwa aus Belgien, aus Frankreich aus den Niederlanden aus Österreich und natürlich aus Deutschland zuzuhören. Schließlich konnte ich viele CEO von Chemiekonzernen treffen und natürlich auch Verbandsvertreter.

Warum begleitet die EU die Industrie plötzlich so intensiv?

Weil wir uns in einer sehr schwierigen Zeit befinden und die Stimmung inzwischen auf ein „Quo Vadis?“ für die Regierenden und die Wirtschaft zusteuert: Die Unzufriedenheit in vielen Ländern in Europa nimmt zu, und der zunehmende wirtschaftliche Druck ist da natürlich ein wichtiger Faktor. In Deutschland sieht man das besonders, es herrscht Unzufriedenheit, die Arbeitslosenzahlen steigen an.

Haben Sie wirkliche Aufbruchstimmung erlebt, die Sie auf die anschließende VdL-Pressekonferenz mit nach Frankfurt nehmen konnten?

Ich hatte mehr noch als vorher den Eindruck, dass Kommission und Regierungschefs die Politik ändern wollen. Natürlich gibt es da immer noch kleine Ruckeleien wie die Frage, ob unsere Zukunft „Made in Europe“ oder „Made with Europe“ sein soll. Meine Botschaft wäre aber, dass alle aktiv und mit zunehmender Geschwindigkeit bemüht sind, die Rahmenbedingungen zu verbessern. Da ging es um das Absenken von verbliebenen Import-/Exportregeln innerhalb der EU. Da müssen wir uns auf gemeinsame Standards einigen. Es gab auch ein Nachhaltigkeits-Commitment, das ist mir auch persönlich wichtig. Wir wollen letztendlich auch als Industrie unser aller Zukunft nachhaltig gestalten. Aber das Ganze muss mit Wettbewerbsfähigkeit einhergehen. Da gibt es eben Defizite. Das geht aber nicht so einfach, das ist eine lange Reise. Diese ganzen Regeln, Vorschriften oder Berichtspflichten hat man über Jahr zehnte aufgebaut. Das zu ändern wird nicht mit kleinen Maßnahmen gehen.

 

Was hoffen Sie hat sich in einem Jahr für Farben und Lacke geändert?

Ich hoffe, dass wir in einem Jahr deutlich bessere Wirtschaftszahlen haben werden, dass wir leichter Projekte bekommen, dass wir leichter arbeiten können. Die „Bürokratie“, also Genehmi gungsprozesse und Berichterstattung werden nicht in einem Jahr radikal anders sein, das ist nicht in einem Jahr wegzuschaffen, aber der Aufbruch ist gemacht, und wir werden merkliche Erleichterungen feststellen in einem Jahr.

Das Gespräch führte Alexander Schneider

 

Der „European Industry Summit” dient dem Austausch von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Beim diesjährigen Gipfeltreffen in Antwerpen waren etwa 400 CEOs und hochrangige Industrievertreter aus 25 Branchen vertreten. Ausgerichtet wurde die Veranstaltung vom europäischen Chemieverband CEFIC.

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