Die demographische Entwicklung ist längst in der Wirtschaft angekommen: Fachleute und Ingenieure werden in der Industrie fast schon händeringend gesucht. Die Farbenbranche ist da keine Ausnahme. Doch die Hochschulen haben zurzeit trotz vieler attraktiver Angebote Nachwuchssorgen.
Wir lesen und hören es immer wieder: Fachkräfte, Experten oder gar Ingenieure werden in der Industrie fast schon händeringend gesucht. Die Farbenbranche ist da keine Ausnahme. Doch die Hochschulen haben zurzeit trotz vieler attraktiver Angebote Nachwuchssorgen. Die demographische Entwicklung ist fast überall angekommen und bremst inzwischen sogar die wirtschaftliche Entwicklung zusätzlich. Ob Handwerk, gestaltende Berufe oder Industrie – die Klagen über zurückgehende Nachwuchszahlen werden seit Jahren immer lauter. Vor allem das Handwerk hat Sorgen, seine Ausbildungsplätze zu besetzen – auch angesichts immer weiter steigender Studierendenzahlen. Aber auch naturwissenschaftliche und technische Studiengänge kennen halb gefüllte Sitzreihen und Labore.
Berufsbilder seit Corona unter Druck
In der Lack- und Druckfarbenindustrie betrifft dies gleich zwei Bereiche der beruflichen Bildung: Das Berufsbild des Lacklaboranten ist trotz aller Bemühungen immer weniger gefragt (inzwischen werden in Deutschland pro Jahr weniger als 100 Lacklaboranten ausgebildet). Und auch die Hochschulen für Lackingenieurwesen melden ein zurückgehendes Interesse an ihren Studienangeboten.
Bereits vor knapp fünf Jahren haben wir über diese Entwicklungen berichtet. Damals – mitten in der Corona Pandemie – hatte man noch unsichere Zahlen und konnte auf die globale Gesundheitskrise als beschränkenden Faktor verweisen. Doch nach der Pandemie sind die guten Jahre nicht zurückgekehrt, sind Berufe in der Farben- und Lackindustrie kein Selbstläufer mehr. Verwunderlich, denn nach wie vor sprechen eigentlich viele Faktoren für eine Ausbildung, einen Beruf in der Branche:
- Auch jüngste Umfragen bescheinigen der Chemieindustrie Attraktivität und Innovationskraft
- Arbeitsplätze in der Chemie- und Pharmaindustrie gelten als sicher, bislang ist trotz ausgemachter Wirtschaftskrise keine größere Freisetzung von Arbeitnehmern zu beobachten
- Als Teil der Chemieindustrie werden überdurchschnittliche Gehälter gezahlt
- Die Farbenbranche bemüht sich um ihre Mitarbeiter, bietet vielfältige Weiterbildung und Jobmöglichkeiten in allen Bereichen
- Kooperationen zwischen Hochschulen und Unternehmen bieten umfassende Praxismöglichkeiten
- Und schließlich sind viele Unternehmen inzwischen international aufgestellt und bieten umfassende Karrieremöglichkeiten im Ausland
Immer weniger Lackingenieure
Das alles scheint nicht überzeugend, nach dem Ausbildungsgang Lacklaborant nehmen auch die Zahlen der Studierenden des Lackingenieurwesens weiter ab, werden sogar Studiengänge eingestellt. Wer Lackingenieur werden wollte, hatte vor der Pandemie mit den Instituten in Esslingen, Niederrhein (Krefeld) und Paderborn traditionell drei relevante Hochschulen zur Auswahl. Nunmehr sind mit Esslingen und Krefeld nur noch zwei Hochschulen übrig – die Universität Paderborn bietet keinen speziellen Studiengang „Lackingenieur“ mehr an, dort kann man sich im Bachelorstudium Materialwissenschaften durch entsprechende Vertiefungen auf Lacke und Oberflächen spezialisieren. Ähnliche Vertiefung liefert die Fachhochschule Aachen am Campus in Jülich mit der Veranstaltung „Lacke und Beschichtungen“ im Studiengang „Angewandte Polymerchemie“. Chemieingenieure der fachlichen Ausrichtung Farbe und Lack sind hochbegehrt und haben selbst in schwierigen Zeiten gute Möglichkeiten, eine Anstellung in der Industrie zu finden.
„Ein spezifisches Studium braucht eine Mindestzahl an Studierenden“
Dennoch sind die Seminare und Labore an den Hochschulen nicht voll ausgelastet. Wir haben uns an der Hochschule Esslingen auf die Suche nach Gründen für die Entwicklung gemacht: Seit März 2023 ist Dr. Matthias Schumacher Professor für Werkstoffprüfung Farbe und Lack an der Hochschule Esslingen und sucht auch nach den Ursachen für die zurückgehenden Studentenzahlen. In den letzten Jahren ist der Studiengang „Farbe und Lack“ nicht mehr voll besetzt. Die derzeitige Auslastung des Studiengangs ist mit etwa 60% zufriedenstellend. „Diese Zahlen sollten aber nicht weiter abnehmen, da wir eine Mindestanzahl an Studierenden benötigen, um ein spezifisches Studium für Farbe und Lack zukünftig weiter anbieten zu können. Es ist deshalb für die Branche und uns eine gemeinsame Aufgabe, junge Menschen für unser Fachgebiet zu begeistern“, sagt Schumacher.
Viele Gründe für abnehmende Studentenzahlen
Die Gründe für die Abnahme der Studierendenzahlen seien sicherlich vielfältig. Wer direkt nach der Schule mit dem Studium Chemieingenieurwesen in Esslingen startet, interessiert sich für Chemie und im besten Fall auch für die Spezialisierung „Farbe und Lack“. Die Lehrenden stellen aber einen allgemeinen Trend fest, dass die Hochschulen im Fach Chemie mit geringer Studierendennachfrage zu kämpfen haben. Offensichtlich sei Chemie also nicht sehr attraktiv. Hinzu kommt, dass die Bedeutung der Spezialisierung „Farbe und Lack“ den meisten Schülerinnen und Schülern gar nicht bekannt ist. Lackingenieurwesen – ein Studiengang mit Zukunft? Die demographische Entwicklung ist längst in der Wirtschaft angekommen: Fachleute und Ingenieure werden in der Industrie fast schon händeringend gesucht. Die Farbenbranche ist da keine Ausnahme. Doch die Hochschulen haben zurzeit trotz vieler attraktiver Angebote Nachwuchssorgen. Dies werde in Esslingen zum Teil dadurch aufgefangen, dass viele Lacklaborantinnen und Lacklaboranten gezielt zum Studium kommen – „offensichtlich deshalb, weil Esslingen in der Branche bekannt ist und unser Studium sehr gut die Ausbildung ergänzt. Hier können und sollten wir unsere Bemühungen intensivieren“, so Schumacher. Der Hochschulprofessor verweist auch auf das umfassende Angebot. Die Hochschule Esslingen bietet mit dem Studiengang „Chemieingenieurwesen / Farbe und Lack“ eine sehr spezialisierte, interdisziplinäre Ausbildung, die Chemie, Technik und Gestaltung verbindet. Schumacher bleibt positiv und hat mit seinen Kollegen viel vor:
„Neben den allgemeinen Werbe-Aktivitäten für unsere Studiengänge setzen wir zunehmend auf die Kooperation mit den Unternehmen der Branche.“
Industrienahe Ausbildung
Man legt für die Studiengänge „Chemieingenieurwesen Farbe und Lack (Bachelor)“ und „Angewandte Oberflächen- und Materialwissenschaften (Master)“ großen Wert auf eine industrienahe Ausbildung, welche auf Partner in der Branche setzt. Praxissemester und Abschlussarbeiten seien wichtige Elemente dazu.
„Viele Firmen der Farben- und Lackbranche sind hierzu bereits unsere aktiven Partner.“
Nicht wenige Unternehmen gehen noch einen Schritt weiter. Sie unterstützen ausgewählte Bewerber gezielt mit Stipendien und schicken sie zum Studium nach Esslingen. Diese Bewerber können ausgebildete Lacklaboranten sein aber auch direkt nach der Schule starten. Alle Praxisanteile des Studiums werden im Unternehmen absolviert, das die Studierenden während des Studiums finanziell unterstützt. So kann das Unternehmen Nachwuchskräfte aufbauen und früh binden. Dieses „Studium mit erweiterter Praxis“ sei sicherlich auch für weitere Firmen ein sehr interessantes Modell, betont Schumacher.
Ziel: Fünfzig Erstsemester
Auch mittels solcher Angebote sei es das Ziel der Hochschule, die Studentenzahlen in den nächsten Semestern zu stabilisieren und wieder jährlich 50 Erstsemester für Lackingenieurwesen in Esslingen begrüßen zu können. Schumacher bleibt zuversichtlich:
„Wir werden weiterhin Chemieingenieure und Chemieingenieurinnen in Esslingen ausbilden, die Entwicklungen in der Lackchemie und in der Lacktechnologie verbinden können, die den wachsenden Herausforderungen wie etwa Rohstoffbeschränkungen, Nachhaltigkeit und Digitalisierung gerecht werden.“
Grundsätzlich lade die Hochschule die Firmen ein, sich auch zukünftig aktiv in die inhaltliche Gestaltung der Studiengänge einzubringen. „Sie sind die Experten für Rohstoffe, Lackherstellung, Prüftechnik und Lackapplikation. Aus dem Austausch zwischen der Hochschule und dem Netzwerk „Wir sind Farbe“ entwickeln wir die industrierelevanten Ausbildungsinhalte der Zukunft!“





