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Im Netz der Bürokratie

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In einem Bürokratie-Workshop des „Center of Excellence – Bürokratieabbau“ des VCI Nord diskutierten im September 2025 Mitgliedsunternehmen mit Experten über Handlungsmöglichkeiten, um der Bürokratie in Deutschland Herr zu werden. Grundlage der Diskussion war es, Regulierung neu zu denken, Hemmnisse zu erkennen und mit Mut, Klarheit und Vertrauen neue Wege zu gehen. Unternehmen können selbst tätig werden und im Dialog mit Politik und Verwaltung proaktiv handeln, indem sie Prozesse analysieren, Vertrauen aufbauen und Regulierung kritisch hinterfragen. Zunächst galt es aber, die tatsächliche Belastung festzustellen: In Anlehnung an eine aktuelle Studie vom Januar 2026, wonach die Bürokratie trotz politischer Versprechen hartnäckig in deutschen Unternehmen verbleibt – 60,9 % der 2.500 Befragten bezeichnen ihr Unternehmen als bürokratisch – hat der VCI Nord eine eigene Bürokratieumfrage ausgerollt. An dieser Studie haben insgesamt 187 Mitgliedsunternehmen im Norden teilgenommen. Der Verband der Lack- und Druckfarbenhersteller hatte seine Mitglieder gebeten, sich zu beteiligen und war mit 33 teilnehmenden Unternehmen (rund 16 %) gut vertreten. Im Zeitraum November 2025 wurden 16 Fragen zur Bedeutung von Bürokratie für den Unternehmensalltag gestellt. Die teilnehmenden Personen aus den Unternehmen gehörten zu 53 % der Geschäftsführung an, 18 % waren in der Bereichs-/Abteilungsleitung, 13 % in Stabsstellen, die übrigen hatten sonstigen Leitungs-/Spezialistenrollen inne. 

Gefangen in einem Netz aus Regeln und Normierungen 

Die rege Teilnahme an dieser Studie hat gezeigt: Die Sorgen und Nöte der Chemie-Branche in Bezug auf überbordende Bürokratie sind enorm: 89 % nennen die Notwendigkeit zur rechtlichen Absicherung als Hauptgrund für die Bürokratielast im Unternehmen. Wer Gesetze nicht genauestens studiert und richtig interpretiert, riskiere die „license to operate“ oder Haftungsrisiken bis hin zur Reputation. Erschwerend hinzu kommen Industrie- Standards, die sich bei 62 % der Befragten als Belastung niederschlagen. Und so sind Chemie-Unternehmen regelrecht gefangen in einem Netz von externer Regulatorik und Normierung.

Externe Regulatorik

Der Begriff bezeichnet die Gesamtheit der gesetzlichen, normativen und aufsichtsrechtlichen Vorgaben, die durch Gesetzgeber, Aufsichtsbehörden oder Standardisierungsgremien auf ein Unternehmen einwirken. Diese Vorgaben müssen zwingend eingehalten werden, um die Konformität (Compliance) von Produkten, Prozessen oder Dienstleistungen sicherzustellen. 

Direkte Auswirkungen auf die Unternehmen 

Die betrieblichen Folgen dieser Bürokratielasten sind breit gefächert, betreffen Geschäftsleitung und Beschäftigte. Für 61 % ist Bürokratie direkt mit höheren Kosten verbunden. Der Kostenaspekt der Bürokratie wiegt somit in der Chemiebranche deutlich schwerer als in anderen Wirtschaftsbereichen (40,4 %). Ebenfalls 61 % der Befragten beklagen unnötige Mehrarbeit, und bei 55 % bleibe zudem die eigentliche Arbeit liegen. Darüber hinaus dauern Entscheidungen zu lange (41 %). Ein knappes Drittel (31 %) sieht Motivation schwinden, Stress nimmt zu (20 %) und Ideen werden kaputt gemacht (17 %). 

Ein Gewirr belastender Gesetze 

Das „Center of Excellence“ wollte von den Mitgliedsunternehmen vertiefend wissen, welche konkreten gesetzlichen Vorgaben sich am stärksten auf die Wirtschaftlichkeit des laufenden Betriebs auswirken: Mehr als die Hälfte der Unternehmen (56,6 %) belasten die umfassenden Dokumentationspflichten. Den zweiten Rang nehmen mit 42,3 % das Chemikalienrecht und Vorschriften zur Kennzeichnung von Stoffen und Produkten ein. Ungefähr auf gleicher Höhe folgen das allgemeine Planungsrecht mit 33,7 % sowie das allgemeine Umweltrecht (Vorschriften zum Thema Bodenschutz, Luftreinhaltung, Gewässer- und Naturschutz sowie Abfall- und Verpackungsrecht) mit 32,6 %. 

VdL und VCI unterstützen die Mitgliedsunternehmen fachlich und politisch, um Politik und Gesetzgeber zu realtitätsnahen, umsetzbaren Regelungen zu bewegen, die den Bürokratieabbau nicht nur benennen, sondern tatsächlich spürbar machen. Weniger ist mehr, und Vertrauen in Unternehmer ist dann nicht nur ein Wort, sondern gelebte gesamtgesellschaftliche Praxis. Ziel muss eine Wirtschaft sein, die unter hohen Umweltstandards am Standort Deutschland produziert, forscht und Investitionen und Innovationen vorantreibt. 

 

Das 2024 gegründete „Center of Excellence Bürokratieabbau (CoEB)“ des VCI Nord ist eine Initiative zur Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit norddeutscher Chemieunternehmen. Es zielt darauf ab, überbordende Berichts- und Dokumentationspflichten zu reduzieren, um Personal und finanzielle Mittel für Innovation, Wachstum und Forschung freizusetzen. 

Kontakt: info[at]lv-nord.vci.de

 

Autorin: Verena A. Wolf, Leiterin CoE-Bürokratieabbau

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