Der VdL-Arbeitskreis Transport lebt vom Austausch zwischen langjähriger Erfahrung und den konkreten Herausforderungen in der praktischen Umsetzung.
Lacke & Farben aktuell
Zukunftsdialog Gefahrguttransports

Ulf Inzelmann
Ulf Christoph Inzelmann ist einer von drei Geschäftsführenden Gesellschaftern bei der UMCO GmbH aus Hamburg. Seit 1989 arbeitet er als Berater in der Lackindustrie und ist in verschiedenen Rollen mit den Gefahrgutvorschriften befasst. Er arbeitet seit über 30 Jahren im AK Transport des VdL mit und ist seit 2003 Vorsitzender des AK. In dieser Rolle vertritt er den
VdL auch im TC Transport von CEPE.

Marius Reinkemeier
Marius Reinkemeier ist Gefahrgutbeauftragter in der Lackindustrie und vertritt seit 2021 die heutige Surventis GmbH, ehemals BASF Coatings, sowohl im AK Transport beim VdL als auch im TC Transport bei CEPE. In seiner Freizeit ist er Gründer von „GefahrTalk – Die Gefahrgutberatung“ und in diesem Zusammen- hang auch Moderator und Herausgeber des Podcasts “GefahrTalk -Der Betriebssicherheitspodcast”.
Mit dem langjährigen Vorsitzenden Ulf Inzelmann und Marius Reinkemeier, Vertreter der jüngeren Generation des Arbeitskreises und Podcaster im Bereich Gefahrguttransport, sprechen wir über die Entwicklung des Gremiums, die Rolle von Gefahrgutbeauftragten und die Erwartungen an die Zukunft.
Herr Inzelmann, Sie leiten den AK Transport seit rund zwei Jahrzehnten. Welche Entwicklungen im Gefahrguttransport und in der Arbeit des Arbeitskreises waren für Sie besonders prägend?
Im Rückblick finde ich sehr beeindruckend, wie sich das Thema Gefahrguttransport sowohl regulatorisch weiterentwickelt und auch an Akzeptanz in den Betrieben gewonnen hat. Zu Beginn meiner Tätigkeit hat der VdL noch regelmäßig einen umfassenden Leitfaden für die Mitgliedsfirmen erarbeitet, wie die Vorschriften umzusetzen sind. Hierzu hat der AK sich regelmäßig mehrere Wochenenden in einem Hotel für die Ausarbeitungen und Aktualisierungen getroffen. Dies ist mittlerweile Geschichte. Heute haben die Firmen in der Regel genügend Fachwissen, und auch die aktuellen Ausgaben der Gefahrgutvorschriften sind vorhanden. Gleichzeitig haben wir zur Jahrtausendwende die „Strukturreform“ der Gefahrgutvorschriften begleitet, die zu einer wesentlichen Harmonisierung der Anforderungen zwischen den Verkehrsträgern und auch dem nationalen und internationalen Transport geführt hat. Damit wurden die Themen für den AK sukzessive weniger.
Herr Reinkemeier, was hat Sie motiviert, sich diesem spezialisierten Thema zu widmen und sich im AK Transport einzubringen?
Um ehrlich zu sein habe ich den Sitz und das Engagement von meinem Vorgänger „geerbt“. Als dieser das Unternehmen in die wohlverdiente Rente verlassen hat, habe ich als Nachfolger seine Sitze und Engagements übernommen und sollte sie auch neu bewerten. Die Sitzungen des AK auch im Kontext mit den Sitzungen der CEPE haben dann schnell gezeigt, wie wichtig und nützlich zum einen Netzwerken und zum anderen die Mitarbeit an der Advocacy, der Gesetzgebung sind. Aus dieser Erkenntnis entstand dann meine Leidenschaft.
Die Rolle des AK Transport in der Praxis
Herr Inzelmann, welche Rolle spielt der AK Transport heute für Unternehmen der Farben und Lackindustrie und Gefahrgutbeauftragte im Alltag?
Der AK hat in den letzten Jahren etwas an Bedeutung eingebüßt, da es immer weniger regulatorische Themen zu besprechen gab. Er dient aber nach wie vor als Netzwerk und Plattform zum Erfahrungsaustausch und zur Klärung von Einzelfragen und Problemen, die bei Mitgliedsfirmen im Alltag entstehen. Regulatorische Arbeit findet heute fast ausschließlich auf der europäischen Ebene von CEPE statt, da Themen grundsätzlich, also direkt bei den Vereinten Nationen besprochen werden müssen, um für alle Verkehrsträger umgesetzt zu werden. Ich glaube aber, dass bei dem anstehenden Generationswechsel in den Betrieben der AK eine bedeutende Rolle spielen kann, um den Erfahrungsverlust zu kompensieren und Hilfestellung für den betrieblichen Alltag der Mitglieder zu geben. Die Wünsche und Erwartungen der nächsten Generation können über den AK besser artikuliert werden.
In den nächsten Jahren müssen die Vorschriften grundsätzlich neu gedacht werden, um sie an die technologischen Entwicklungen anzupassen. Meine Position ist: einfacher, logischer und digitaler. Da wird ein sehr dickes Brett zu bohren sein, um den heutigen Sicherheitsstandard zu erhalten. Hier sollte ein zukünftiger Schwerpunkt liegen.
Herr Reinkemeier, wie wird diese Rolle in Ihrer Generation wahrgenommen? Sehen Sie einen Mehrwert für die Arbeit und wo gibt es aus Ihrer Sicht Verbesserungspotential?
Eine hervorragende Frage, die sich nur sehr schwer beantworten lässt, weil es wenige Kollegen „meiner Generation“ gibt, sowohl was das Alter angeht (ich bin 34) als auch die Berufsausübung. Ich mache das Thema jetzt seit fünf Jahren und bin damit immer noch einer der Jüngsten bzw. Neuesten im Feld. Ich persönlich sehe einen großen Mehrwert in der Gremienarbeit, da wir nur dort und auf diese Weise in der Lage sind, unsere Branche und Unternehmen vor nachteiligen gesetzlichen Änderungen zu schützen und/oder Änderungs-
vorschläge einzubringen, die für die Unternehmen, die Branche und die gesamte Sicherheitsarbeit förderlich sind.
Klar verbesserungswürdig ist meiner Meinung nach die „Jugendarbeit“ und die „Öffentlichkeitsarbeit“. Die Gremien und Verbände finden heute kaum in Medien statt, in denen die nächste Generation sie auch wahrnimmt. Und spezifisch der Job des Gefahrgutbeauftragten wird von nachfolgenden Talents als wenig attraktiv wahrgenommen. Fragen Sie mal meine Studierenden an der „Dualen Hochschule Baden-Württemberg“ (DHBW).
Die Rolle des Gefahrgutbeauftragten im Wandel
Herr Inzelmann, wie hat sich die Rolle des Gefahrgutbeauftragten in den letzten Jahren verändert und wo liegt heute der größte Handlungsdruck?
Ich glaube, dass über die genannten Veränderungen, die Rolle viel mehr zur betrieblichen Routine geworden und nicht mehr so „exponiert“ ist wie zu Beginn der Neunzigerjahre bei der Einführung des Beauftragten. Aber es ist heute eine ganz eigene Herausforderung, trotzdem die Wichtigkeit des Themas und die Einhaltung der Vorschriften innerbetrieblich aufrechtzuerhalten. Vielfach wird die Rolle nur noch als eine von mehreren Funktionen ausgefüllt und so ist eine tiefgreifende Befassung mit dem Thema erschwert.
Der zukünftige GB wird sich verstärkt mit seinen Themen in die Veränderungen der Prozesse und der Automatisierung einbringen müssen. Seine Aufgabe wird sein, die Schnittstellen zu angrenzenden Bereichen zu optimieren und, ganz wichtig die Ausbildung von zunehmend geringer qualifiziertem Personal zu organisieren.

Regulatorisch entsteht aus meiner Sicht die Herausforderung, dass die Gefahrgutvorschriften stärker durch die Gefahreneinstufung und Kennzeichnung nach GHS/CLP beeinflusst werden, was immer häufiger zu Problemen führt. Gleichzeitig nimmt aber in den Gremien der Verbände und dort, wo die Vorschriften gemacht werden, die Beteiligung der Industrie ab. Es kommt mittlerweile häufiger vor, dass Änderungen mit gravierenden Auswirkungen auf die Betriebe „durchrutschen“ und im Nachgang eine machbare Lösung gefunden werden muss. Dies kostet derzeit viel Zeit und Kraft.
Herr Reinkemeier, welche Fähigkeiten sollte der Gefahrgutbeauftragte der Zukunft mitbringen?
Mir ist aufgefallen, dass es für mich als GB immer wichtiger wird nicht nur fachlich im Gefahrgutbereich sattelfest zu sein, sondern darüber hinaus auch noch ein breites Wissen im Bereich Arbeitssicherheit, Umweltschutz, Ladungssicherung und Juristerei mitzubringen. Gerade das Thema LaSi ist dem GB ja als Überwachungsthema in die Wiege gelegt. Die anderen Bereiche der Sicherheitsarbeit greifen ständig mit der Arbeit des GB ineinander. Und im juristischen Bereich wird von vielen GBen erwartet, dass sie Anhörungen ordentlich aufarbeiten können, dass sie in der Lage sind, eine gerichtsfeste Aufbauorganisation herzustellen und Führungskräften ganz klar ihre Rollen anweisen können. Alles Themen, auf die einen ein GB-Kurs nicht im Mindesten vorbereitet.
Der VdL-Arbeitskreis Transport:
Der AK Transport hat momentan 20 Mitglieder. Im Arbeitskreis stehen aktuelle Entwicklungen rund um den Gefahrguttransport und die Chemikalienregulierung im Fokus. Diskutiert werden die zukünftige Rolle und Qualifizierung von Gefahrgutbeauftragten ebenso wie neue Impulse aus der europäischen Verbandsarbeit. Darüber hinaus rücken zentrale Regulierungsvorhaben der EU – etwa zu Verpackungen, Mikroplastik oder die Entwaldungsverordnung – in den Fokus.
Was ist ein Gefahrgutbeauftragter?
Ein Gefahrgutbeauftragter ist eine sachkundige Person die in Unternehmen die Einhaltung der Vorschriften für den Transport gefährlicher Güter überwacht und unterstützt. Gefährliche Güter (z. B. entzündbare, giftige oder umweltgefährdende Stoffe) bergen erhebliche Risiken für Menschen, Umwelt und Infrastruktur. Der Gefahrgutbeauftragte sorgt dafür, dass diese Risiken
minimiert werden. Er berät die Unternehmensleitung, kontrolliert Abläufe und trägt zur sicheren Organisation von Gefahrgutbeförderungen bei. Die Bestellung eines Gefahrgutbeauftragten ist gesetzlich vorgeschrieben für Unternehmen, die an der Beförderung gefährlicher Güter beteiligt sind.
Was ist Gefahrgut?
Gefahrgut sind Stoffe und Gegenstände, von denen aufgrund ihrer Eigenschaften beim Transport Gefahren für die öffentliche Sicherheit, insbesondere für Menschen, Umwelt und Sachwerte, ausgehen können. Maßgeblich ist dabei nicht nur die Stoffeigenschaft an sich, sondern die Einstufung nach den einschlägigen Gefahrgutvorschriften (z. B. ADR). Dazu zählen u.a. entzündbare, giftige, ätzende oder umweltgefährdende Stoffe.
Podcaste GefahrTalk von Marius Reinkemeier
Youtube zum Thema Gefahrgut und VdL
Erwartungen der nächsten Generation an den Arbeitskreis Transport
Herr Reinkemeier, welche Erwartungen hat Ihre Generation konkret an den AK Transport, um bei der Bewältigung der täglichen Herausforderungen in der Rolle als Gefahrgutbeauftragter im Unternehmen zu erhalten?
Meine Erwartung ist, dass der AK Transport im speziellen und alle ähnlich gelagerten Arbeitsgruppen anderer Verbände – ich schaue da auch auf den Gefahrgutverband Deutschland (GGVD) –
sich in den nächsten Jahren stark mit dem Berufsbild und der Ausbildung von Gefahrgutbeauftragten befassen. Es kann nicht sein, dass wir zum einen eine massive Verrentungswelle erwarten, andererseits aber nicht in der Lage sind, das Berufsbild spannend, attraktiv und mit ordentlichen Inhalten aufzubauen. So wird über kurz oder lang eine Versorgungslücke entstehen und ein Beruf wegbrechen. Der Bereich Arbeitssicherheit macht es doch vor: Eine fundierte und umfangreiche Ausbildung als Fundament für einen anerkannten und viel nachgefragten Beruf.
Herr Inzelmann, wie kann es dem AK Transport gelingen, seine Erfahrung als Stärke auszuspielen und sich gleichzeitig für neue Impulse und Erwartungen zu öffnen?
Wie bei so vielen Gremien müssen auch wir die Relevanz des AK für die betriebliche Arbeit stärker herausstellen. Wir sollten auch Flexibilität zeigen und auf die Wünsche und Bedürfnisse der nächsten Generation von Gefahrgutbeauftragten eingehen. Der AK bietet für die nächste Generation sicherlich eine sehr gute Plattform. Als Verband haben wir in vielfältiger Weise
mehr Möglichkeiten. Dies schließt ein, auch direkt Einfluss auf die Vorschriftenentwicklung zu nehmen.
Engagement im VdL-Arbeitskreis Transport
Herr Inzelmann, Sie engagieren sich seit vielen Jahren intensiv im AK Transport – was hat Sie ursprünglich dazu bewogen, Verantwortung im Verband zu übernehmen, und was hat Sie über die Zeit hinweg gehalten?
Zu Beginn stand auch für mich der Austausch mit erfahrenen Kollegen aus der Industrie, der Netzwerkaufbau und die Erweiterung meines Praxiswissens für meine Beratungstätigkeit speziell in der Lackindustrie im Vordergrund. Später kamen die Möglichkeiten hinzu, die betrieblichen Probleme meiner Kunden zu adressieren und Einfluss auf die Entwicklung der Vorschriften zu nehmen. Mir ging es immer um die Erzielung von Lösungen, die die Sicherheit in der Praxis erhöhen.
Gefahrgut ist für mich ein klassisches Thema: Entweder man liebt oder hasst es! Ich bearbeite das Thema nun seit 37 Jahren aus unterschiedlichsten Perspektiven – das sagt alles!
Herr Reinkemeier, Sie gehen mit Ihrem Podcast neue Wege in der Vermittlung von Gefahrgutthemen. Welche Rolle spielen solche Formate aus Ihrer Sicht, um Fachwissen zu vermitteln und zugleich mehr Menschen für eine aktive Mitarbeit – etwa im AK Transport – zu gewinnen?
Ich bin davon überzeugt, dass nur solche Formate überhaupt noch neue Augen und Ohren gewinnen können. Die einschlägigen Fachzeitschriften finden ausschließlich als Abo-Formate statt, die man gezielt finden muss. Man stolpert nicht am Kiosk im Bahnhof über Printmedien zum Thema Gefahrgut. Über Podcasts oder Videoformate stolpert man aber sehr wohl auch unabsichtlich. Die Algorithmen sind so gebaut, dass sie basierend auf unseren Suchen ähnliche Formate in die Timeline spülen. Daraus ergibt sich, dass wer nach Gefahrgutthemen oder Medien sucht, auch mal zufällig auf den Gefahr-Talk stoßen kann. Der Podcast ist immer noch recht klein, wächst aber derzeit jährlich um irgendwas zwischen 50 % und 100 % bezogen auf Klickraten und Zuhörerschaft. Das wird keins der Printmedien heute mehr liefern können.
Der Blick in die Zukunft
Wenn Sie beide einen Wunsch frei hätten: Wie sollte sich der AK Transport in den kommenden Jahren weiterentwickeln, um sowohl den wachsenden Anforderungen in der Praxis als auch den Erwartungen der nächsten Generation gerecht zu werden?
Öffentlichkeitsarbeit muss her! Arbeit und Aufgaben von Verbänden müssen transparent, verständlich und belegt an konkreten Ergebnissen in die Öffentlichkeit getragen werden. Sei es in der GB-Ausbildung, in vergleichbaren Vorlesungen in einschlägigen Studiengängen (ich mache an der DHBW immer Werbung für die Verbands- und Gremienarbeit) oder auch mal in einer Tageszeitung oder einem Podcastformat von Creatern mit größerer Reichweite. Und gleichzeitig muss das Berufsbild GB mit Hilfe der Verbände neugestaltet und die Ausbildung
grundlegend geändert werden.
Die Fragen stellte Aline Rommert.

Aline Rommert
ist beim VdL Referentin für
Produktsicherheit, Nanotechnologie,
technische Gesetzgebung und REACH.
rommert@vci.de
