Verbraucherschutz

Farben schützen mit Bioziden

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FARBEN SCHÜTZEN MIT BIOZIDEN
Die meisten wasserbasierten Farben und Lacke sind auf geeignete Konservierungsmittel angewiesen. Nur in einzelnen Bereichen besteht die Möglichkeit ganz auf Biozide zu verzichten. Jetzt sorgt der Blaue Engel für Aufregung.

Die Farbenbranche kann man sich ohne wasserbasierte Dispersionsfarben, Putze und Lacke gar nicht mehr vorstellen. Lösemittelhaltige Lacke machten 2016 weniger als ein Viertel der Produktionsmenge aus. Doch der Siegeszug der wasserbasierten Technologien wurde in den meisten Bereichen erst durch den Einsatz geeigneter Konservierungsmittel (so genannte Topfkonservierer) und mit einer hohen Betriebshygiene möglich. Durch die zunehmende regulatorische Verknappung der bioziden Wirkstoffe wird diese Entwicklung jetzt in Frage gestellt.

REGULATORISCHE EINSCHRÄNKUNGEN VERSCHÄRFEN SICH
Im Bereich der Topfkonservierer sind nur noch sehr wenige für Farben und Lacke geeignete Wirkstoffe verfügbar. Ursache für die zunehmende Verknappung ist vor allem die Wirkung einer harmonisierten Einstufung im CLH-Verfahren (CLP-Verordnung), denn diese wirkt sich auf den Prozess der Wirkstoffgenehmigung im Rahmen der Biozidprodukteverordnung aus: Da das CLH-Verfahren rein gefahrenbasiert ist, werden die sozioökonomischen Auswirkungen einer Einstufung hier ausgeblendet. Im Rahmen der Wirkstoffgenehmigung könnten solche Auswirkungen zwar grundsätzlich berücksichtigt werden. Allerdings zeigt die Praxis, dass häufig einfach die strengen Grenzwerte des CLH-Verfahrens übernommen werden. Im Ergebnis führt dies zu ungerechtfertigten Anwendungsverboten zum Nachteil von Verbrauchern und Umwelt. Der Mechanismus lässt sich aktuell am Beispiel des letzten zur Verfügung stehenden Breitbandwirkstoffes Methylisothiazolinon (MIT) gut verdeutlichen: Im CLH-Verfahren wurde zunächst ein spezifischer Konzentrationsgrenzwert (SCL) für die Hautsensibilisierung von 600 ppm vorgeschlagen. Der REACHRegelungsausschuss hat allerdings einen drastisch niedrigeren SCL von 15 (sic!) ppm beschlossen, ab dem sämtliche Produkte entsprechend gekennzeichnet werden müssen. Dabei bezog sich das Gremium auf den Grenzwert für den Einsatz in Kosmetika (für so genannte „Rinse-off“-Produkte, z.B. Seifen und Shampoos). Wissenschaftlich ist diese Entscheidung nicht nachvollziehbar, weil es überhaupt keine Hinweise darauf gibt, dass der Einsatz von MIT in Farben und Lacken eine Hautsensibilisierung hervorrufen kann. Dass die Verbraucher viel häufiger Kontakt mit Seifen und Shampoos als mit Farben und Lacken haben, blieb in diesem Verfahren vorschriftsgemäß außen vor, zeigt aber die gegenwärtige Schwäche des CLH-Verfahrens. Die Folgen einer solchen Kennzeichnung und die damit verbundene Verwirrung von Handel und Verbrauchern sind jedoch nur das eine. Das Hauptproblem ist, dass dieser Grenzwert in der Vergangenheit häufig auch für die Wirkstoffgenehmigung genutzt wurde, mit der Folge, dass bei dessen Überschreiten das Produkt nicht mehr an die breite Öffentlichkeit verkauft werden darf. Da MIT bei 15 ppm in Farben und Lacken nicht wirksam ist, käme dies faktisch einem Anwendungsverbot im Heimwerkerbereich gleich.

WIRKSAME ALTERNATIVEN ERHALTEN
Der VdL setzt sich mit anderen Verbänden dafür ein, dass dieser Quasi-Automatismus zwischen CLH- und Wirkstoffgenehmigungs- Prozess durchbrochen wird. Ferner müssen die letzten verbleibenden Alternativen wie Zink-Pyrithion oder BIT unbedingt erhalten bleiben. Im Falle von Zink- Pyrithion hat das Scientific Committee on Consumer Safety der Europäischen Kommission in diesem Jahr aktuell erneut bestätigt, dass ein Einsatz von bis zu 20.000 ppm in Anwendungen wie z.B. Shampoos sicher ist. Schwer verständlich ist daher, dass die Anwendung als Topfkonservierer in Farben und Lacken, mit typischen Konzentrationen, die über 100-mal kleiner sind (10-200 ppm) durch die geplante Einstufung im Rahmen des CLH-Verfahrens in Frage gestellt wird ein weiteres Beispiel für die widersinnigen Auswirkungen der gefahrenbasierten Einstufung auf andere Rechtsbereiche.

BIOZIDFREIE FARBE BIOZIDFREIE ALTERNATIVEN?
Oft wird die Frage gestellt, warum nicht generell auf Biozide verzichtet wird – immerhin gibt es auf dem Markt konservierungsmittelfreie Wandfarben. Die Antwort ist einfach: Ein kompletter Verzicht auf Konservierungsmittel in allen Farben und Lacken ist nach dem aktuellen Stand der Technik schlicht nicht möglich. Eine Produktion unter Hochreinbedingungen, wie in der Chipherstellung, ist für Farben nicht mal ansatzweise wirtschaftlich. Ferner sind bereits die Rohstoffe keinesfalls steril. Außerdem würde eine sterile Produktion nicht das Problem lösen, wie man eine Haltbarkeit beim Anwender sicherstellen kann. Die auf dem Markt verfügbaren konservierungsmittelfreien Wandfarben weisen einen erhöhten pH-Wert auf, wodurch sie in Verbindung mit einer hohen Betriebshygiene ohne Konservierungsmittel auskommen. Sie sind für ihre jeweiligen Anwendungsbereiche exzellent geeignet: Klassische Silikatfarben zum Beispiel werden insbesondere bei historischen Bauten eingesetzt. Sie benötigen einen mineralischen Untergrund, um mit diesem “verkieseln” zu können. Dispersions-Silikatfarben und Sol-Silikatfarben sind dagegen breiter einsetzbar und decken heute einen großen Teil üblicher Anwendungen ab. Gleichwohl sind diese konservierungsmittelfreien Farben auf matte weiße Wandfarben beschränkt. Hinzu kommt, dass viele konservierungsmittelfreie Farben spezielle Rohstoffe benötigen, die nur in begrenztem Umfang verfügbar sind. Die Beschränkung bei der Rohstoffauswahl führt auch zu technischen Einschränkungen: Farben, bei denen die Funktionalität im Vordergrund steht (zum Beispiel Latexfarben, glänzende Lacke, Metallschutzfarben, Holzschutzfarben etc.) können nach dem aktuellen Stand der Technik nicht konservierungsmittelfrei hergestellt werden. In anderen Bereichen, wie zum Beispiel bei Wasserlacken für Türen und Fenster, gibt es derzeit keine technisch Alternative zu Konservierungsmitteln, da der hohe pH-Wert nicht mit den eingesetzten Rohstoffen kompatibel ist.

EIN UMDENKEN IN DER BIOZIDBEWERTUNG IST ERFORDERLICH
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass viele wasserbasierte Farben und Lacke aus ökonomischen und technischen Gründen weiterhin auf Konservierungsmittel für Ihren Schutz vor mikrobiellem Befall angewiesen sind. Konservierungsmittelfreie Produkte sind auf einzelne Anwendungen beschränkt. Der Einsatz von Topfkonservierern ist angewandte Nachhaltigkeit pur, da er zu Langlebigkeit der Produkte und zur Abfallvermeidung beiträgt, wirtschaftlich ist und eine breite Produktpalette für Handwerk und Verbraucher erst ermöglicht. Im Rahmen des Biozidbewertungsprozesses muss dies in Zukunft besser berücksichtigt werden. Seit Langem fordert die Industrie daher ein Ende der isolierten Betrachtung von Wirkstoffen. Stattdessen ist ein gesamtheitlicher Ansatz nötig, bei dem auch berücksichtigt werden kann, dass wichtige Anwendungen, wie wasserbasierte Formulierungen, erhalten bleiben. Ein gesamtheitlicher Ansatz mag die Bewertungsbehörden vor gewisse organisatorische Herausforderungen stellen, ist aber zum Schutz von Menschen und Umwelt unumgänglich. Hier muss rasch ein Umdenken stattfinden.

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