Umwelt und Sicherheit

Studie zu Mikroplastik zieht falsche Schlüsse

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Mikroplastik im Schnee: Eine neue Studie zeigt, dass Mikroplastikpartikel über weite Distanzen transportiert werden. (Foto: Alfred Wegener Institut)

Lacke und Farben sind keine wesentliche Quelle für Mikroplastik in der Umwelt. Die jüngst veröffentlichte Studie des Alfred-Wegener-Instituts weist erhebliche methodische Schwächen auf und steht im Widerspruch zu wesentlich umfangreicheren Untersuchungen zur Herkunft von Mikroplastik in der Umwelt.

Das Thema Plastikmüll in der Umwelt ist ein drängendes globales Problem. Die Hauptquelle für Mikroplastik in der Umwelt ist der sich mit der Zeit zersetzende Plastikmüll. Auch wenn es keine wissenschaftlichen Nachweise gibt, dass Mikroplastik eine Gefahr für Mensch und Tier sein können, gehören Plastikabfälle und Plastikmüll generell nicht in die Umwelt.

Dass Partikel wie Sahara-Staub, Vulkanasche oder Schwefeldioxid aus Kohlekraftwerken über tausende Kilometer mit der Luft verteilt werden, ist ein bekanntes Phänomen. Auch dass solche Stoffe durch Regen oder Schnee ausgewaschen werden und sich daher z.B. in schneereichen Gebieten finden lassen, ist längst bekannt.

Die im August 2019 veröffentlichte Studie “White and wonderful? Microplastics prevail in snow from the Alps to the Arctic” (Link) hat nun die Verteilung von Mikroplastik untersucht und mittels Auswertung einer begrenzten Anzahl von Proben aus der Arktis, aus Bremen und aus Bayern die These aufgestellt, dass Lacke unter dem Stichwort “varnish” eine Hauptquelle für Mikroplastik seien. Nach einer Überprüfung der Studie durch Experten kann diese These nicht aufrecht erhalten werden.

Die Lack-These beruht auf der Annahme, dass alle Funde von Polyacrylaten, Polyurethanen und Alkydharzen unter dem Sammelbegriff "varnish" (also "Lack“) zusammengefasst werden könnten. Dabei bezieht sich die Autorin offensichtlich auf eine andere aktuelle Studie des Alfred-Wegener-Instituts, bei der eine Methode zur Analyse verschiedener Kunststoffe vorgestellt wird (sog. FTIR-Spektroskopie, link). Bei dieser Untersuchung hat sich gezeigt, dass die Wellenform von Polyacrylaten, Polyurethan und Aklydharzen sehr ähnlich und daher eine Unterscheidung mit dieser Methode nicht möglich ist. Aus technischen Gründen werden daher diese drei Polymere als eine Gruppe geführt. Tatsächlich kommen Polyacrylate und Polyurethane aber in sehr vielen Produkten zum Einsatz und weisen keinesfalls allein auf Farben und Lacke hin. 

So werden Polyacrylate beispielsweise in Kosmetika (z.B. Haargel), Wasch-, Putz- und Reinigungsmitteln, als Gleitmittel für Skier sowie in der Medizintechnik (z.B. in Linsen und Brillen) eingesetzt. Eine bekannte Anwendung ist „Plexiglas“ (Polymethylmethacrylat). Im Textilbereich dienen sie zur Verfestigung von Vliesstoffen, für textile Beflockung, als Beschichtungen für Wachstücher und Schirme sowie als Imprägniermittel für Regenbekleidung, Schuhe etc.

Auch Polyurethane sind in vielen verschiedenen Produkten enthalten, u.a. in Küchen- bzw. Haushaltsschwämmen, in Schuhen (z.B. Gummistiefeln) oder in Kosmetikartikeln (z.B. Make-up, Lippenstift, Nagellack). Polyurethanschaumstoffe werden im Schiffsverkehr eingesetzt (z.B. in Fendern; auch Scheuerleisten an Schiffen bestehen aus Polyurethan), in der Bauindustrie (z.B. als Montageschaum und Dämmstoffe) und sie formen Matratzen, Autositze und Sitzmöbel. Polyurethane finden sich außerdem in Schläuchen, Fußböden, Klebstoffen, Skiern, Laufbahnen in Stadien sowie als Mikroschaum für atmungsaktive Membranen in Regenbekleidung.

Zwar enthalten auch Lacke und Farben polymere Bindemittel, so dass durch Abrieb und Abwitterung eine begrenzte Austragung von Plastikpartikeln durchaus möglich ist. Fachleute gehen allerdings davon aus, dass viele der unter dem Sammelbegriff “varnish” gelisteten Partikel auf den Abbau beziehungsweise mechanischen Abrieb von anderen Produkten zurückzuführen ist. Relevante und umfangreiche Studien (z.B. Bertling 2018, Eunomia 2018) bestätigen diese Einschätzung und gehen von einem Anteil von Farben und Lacken an der Entstehung von primärem Mikroplastik von maximal 2% aus. Nur ein geringer Teil des Mikroplastiks in der Umwelt ist primäres Mikroplastik, das allermeiste ist sogenanntes sekundäres Mikroplastik, das durch die Zersetzung von Plastikmüll entsteht.

Das Ergebnis der Studie wird außerdem dadurch verfälscht, dass nur drei signifikante Proben von insgesamt 22 einen im Vergleich stark erhöhten Anteil von zusammenfassend als “varnish” bezeichneten Polymeren aufweisen (Icefloe 9, Bremen, Bavaria 3). Das aber ist gleich in mehrfacher Hinsicht problematisch: Zum einen verzerren diese drei “Ausreißer” das Bild; denn in den meisten Proben aus der Arktis wurden kaum Mikroplastikpartikel gefunden.  Die großen Unterschiede in den Befunden der neun Eisschollen deuten darauf hin, dass entweder bei der einzigen Probe mit hohem Befund ein Einzelereignis oder eine Kontaminierung Ursache ist oder dass schlicht die Anzahl der Proben zu gering war, um statistisch signifikant zu sein.


Die Lack- und Farbenindustrie nimmt die Messergebnisse der aktuellen Studie ernst. Die Experten der Farben-Branche setzen sich seit langem mit dem Thema Mikroplastik auseinander. Die Entwicklung immer langlebigerer und nachhaltigerer Lacke und Farben bleibt eines der wichtigsten Ziele.

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