Auf der Suche nach dem Putz der Zukunft

Dass München eine Stadt mit „Putztradition“ ist - dies zeigt sich bei jedem Gang durch die Straßen der Bayerischen Metropole. Zur Ausstellungseröffnung von „Rendering /CODES“  ließen es sich daher die für die  Stadtplanung der Landeshauptstadt Verantwortlichen nicht nehmen, ihre Sicht auf das Thema Putz darzustellen. Von einer „ Schule des Sehens“ sprach die Münchner Stadtbaurätin  Elisabeth Merk. Sie hatte dabei nicht nur die Dutzende Ausstellungsexponate im Blick, sondern auch die vielen filigranen und lebendigen Putzfassaden, mit denen sich speziell die Gebäude der Münchener Nachkriegsmoderne auszeichnen.  Für Thomas Rehn, Leitender Baudirektor und Stadtplaner der Landeshauptstadt,  sind solch urbane Fassaden „die Zimmerwände der Stadt“, die es mit ganz besonderer Sorgfalt zu behandeln gilt. Dennoch sind auch in München „die heutigen Putzfassaden in der Regel funktional, aber nicht schön“ - so Elisabeth Merk. Auch wenn es erfreuliche Ausnahmen gebe, wie beispielsweise die von „Hild und K Architekten“ neuinterpretierte Putzfassade  des Hotel Louis am Viktualienmarkt.  

 

Warum aber ist der Werkstoff Putz heute häufig nur zweite oder dritte Wahl  möglicher Gestaltungsoptionen? Und warum werden aktuelle Gestaltungstendenzen eher mit anderen Werkstoffen erreicht? Und wie lässt sich der Imageverlust des Putzes aufhalten? Für Professor Markus Schlegel, Professor für Farb- und Architekturgestaltung  an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Hildesheim, sind  dies ganz zentrale Fragen, die letztendlich dazu führten, dass er  angestoßen und unterstützt von der Fachgruppe Putz & Dekor im Verband der deutschen Lack- und Druckfarbenindustrie  die Studie „rendering/Codes Zukunft Putz“ startete.

 Nach dem Motto „Zukunft braucht Herkunft“  betrachteten die Studierenden in Hildesheim zunächst Vergangenheit und  Gegenwart von Putzfassaden. Sie setzen sich dabei sich mit Fassaden und Gebäudeformen sowie mit aktuellen Oberflächeninterpretationen, Materialien und Texturen auseinander und ermittelten dazu die prägenden Architekturbeispiele. Bei dieser gelungenen und überaus aussagekräftigen Retrospektive soll es jedoch nicht bleiben. Denn jetzt gilt es in deiner zweiten Phase  der Frage nach dem „Putz der Zukunft“ nachzugehen. Dazu sollen aber vor allem die am Baugeschehen Beteiligten –Architekten, Behörden, Fachhandwerker und Studenten – in das Forschungsvorhaben einbezogen werden. Sie sind es, die neue Ideen und Visionen für die Putzfassaden der Zukunft entwickeln sollen, die das Produkt Putz „neu und zukunftsfähig“ denken sollen.

 Dazu werden ihnen moderierte Workshops, sogenannte WorkLabs angeboten, in denen unter Anleitung bildhafte Szenarien ausgearbeitet  und begleitende Fragebögen beantwortet werden.  Seine Premiere hatte das „mobile Labor“ auf der Messe FAF  2016 . Aktuell steht es in den Räumen der Lokalbaukommission an der Münchner Blumenstraße und lädt dazu ein, sich „Gedanken zur Fassade und zur Oberfläche im Jahr 2040 zu machen“ – so Professor Schlegel. Für ihn geht es dabei aber nicht darum, „was sich die Experten wünschen, sondern was sie für wahrscheinlich halten“. Die aus den bisherigen WorkLabs gewonnenen Szenarien zeigen bereits, wohin die Reise gehen könnte:  So tauchen bei den Zuschlagsstoffen immer wieder organische LED auf, die eine Putzfassade zum Leuchten bringen. Oder es gibt inzwischen stromerzeugende Zuschlagstoffe, die die Fassaden zum Energieerzeuger machen. Aber auch das Armierungsgewebe spiele eine Rolle, etwa bei der Frage, warum man es - als ohnehin „notwendiges Übel“ - nicht stärker in die Gestaltung einbeziehen sollte, um so der Fassade  eine völlig andere Form zu geben. Daneben stehen aber auch neue Applikationsmethoden im Fokus, meist mit dem Ziel einer Individualisierung der Fassade. Über „Fassadendrucker“ wird bei „Rendering/Codes“ ebenso spekuliert wie darüber, ob die Industrie künftig Fassadenroboter als Serviceleistung anbietet.

 Ohnehin sind bei der Umsetzung der Ideen die Hersteller gefordert. Daher werden die in den WorkLabs gewonnenen Erkenntnisse zunächst der Putzindustrie und deren Produktentwicklern zur Verfügung gestellt. Die Experten  müssen dann entscheiden, welche Visionen aus Architektur und Wisseschaft zur Realität werden.

 

Die Ausstellung „Zukunft Putz – Fassade 1800 bis heute“ ist noch bis zum 1. Juni in München zu sehen (Servicezentrum der Lokalbaukommission München, Blumenstraße 19) . Die Ergebnisse, nicht nur der Münchner, sonder auch alle nachfolgender WorkLabs (etwa aus Karlsruhe, Zürich, Darmstadt und Frankfurt) werden abschließend auf der Messe FAF Farbe Ausbau und Fassade 2019 in Köln präsentiert.