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Optik der Vorkriegszeit, Handwerkskunst von heute

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Nach Abschluss der sechsjährigen Bauphase können sich Bürger und Touristen der Mainmetropole in den historisch anmutenden Gässchen jetzt ein eigenes Urteil darüber bilden, ob die kühne Entscheidung richtig war, die Altstadt auf dem 7000 Quadratmeter großen Areal zwischen Dom und Römer wiederauferstehen zu lassen.
 
Sie sollte so aussehen wie vor ihrer Zerstörung durch die Luftangriffe von 1943 und 1944. Komplett mit Fachwerk, Innenhöfen, figürlichem Schmuck und – in einem Fall – Vergoldungsarbeiten. Die Optik der Vorkriegszeit hat es in dieser Perfektion nie gegeben, denn sie wird mit dem Komfort moderner Technik und den Auflagen der hessischen Bauordnung kombiniert.

Kritiker warnten früh vor einer „Märchenstunde am Main“. Doch vielen Befürchtungen zum Trotz ist aus der neuen Altstadt kein Disneyland geworden. Alle Gassen sind eng wie zu Goethes Zeiten und fast alle 35 Häuser schmal und hoch, edel und elegant. Sie heißen „Goldenes Lämmchen“, „Klein Nürnberg“, „Rotes Haus“, „Goldene Waage“ oder „Haus zum Esslinger“. Die Farben der Fassaden – Braunrot bis Ocker – wurden harmonisch und zugleich historisch unanfechtbar aufeinander abgestimmt.

"Sie heißen „Goldenes Lämmchen“, „Klein Nürnberg“, „Rotes Haus“, „Goldene Waage“ oder „Haus zum Esslinger“."

Aber woher weiß man eigentlich, wie die Fassaden der Vorkriegshäuser, die ja aus verschiedenen Jahrhunderten stammten, tatsächlich ausgesehen haben? Nach der Bombardierung wurde dem Putz sicherlich keine Beachtung geschenkt, und die meisten Fotos aus damaliger Zeit sind Schwarzweiß-Aufnahmen. Zum Glück konnten sich die Planer an einem heute im Historischen Museum Frankfurt ausgestellten Modell orientieren. Hermann und Robert Treuner hatten die Altstadt 1926 bis 1962 maßstabgerecht nachgebaut. Die Farben dieser Miniaturbauten und ihre Aufzeichnungen waren Orientierungshilfen bei der Erstellung des Farbkonzepts.

Im Airbrush-Verfahren bildete der 1936 in Frankfurt geborene Restaurator Heinrich Paulus-Füller jene 15 Gebäude ab, die detailgetreu rekonstruiert werden sollten. Zwanzig „schöpferische Neubauten“ ergänzen das Ensemble zwischen Dom und Römer. Für sie galten zwar nicht ganz so strenge Auflagen wie für die historischen Bauten, aber die Geschosshöhen und das Sockelmaterial – roter Mainsandstein – waren festgelegt.

Farbgestaltung als Balanceakt

Mit der Farbmasterplanung wurde der Frankfurter Professor für Farbdesign Markus Schlegel beauftragt. Er ist mit der regionaltypischen Farbsprache vertraut. Seine Aufgabe war es, die „schöpferischen Neubauten“ mit den rekonstruierten Gebäuden farblich in Einklang zu bringen. Ein Balanceakt, bei dem der Denkmalschutz ebenso berücksichtigt werden musste wie die unterschiedlichen Vorstellungen der Architekten, Bauherren sowie des Gestaltungsbeirats der Stadt. Schlegel erstellte den Farbmasterplan für Fassaden und Fenster, damit die Gebäudetypen „eine stimmige Komposition“ und ein schlüssiges Altstadtbild ergeben. „Wir haben dazu zunächst aus Paulus-Füllers Farbanalyse für die Rekonstruktionen konkret Farbtöne extrahiert und diese mit einer neu entwickelten Farbgebung für die schöpferischen Neubauten zusammengeführt“, erklärt Schlegel.

"Mit der Farbmasterplanung wurde der Frankfurter Professor für Farbdesign Markus Schlegel beauftragt."

Da es wegen der Enge der Straßen im neuen Dom-Römer-Quartier und der laufenden Bauarbeiten nicht möglich war, die Wirkung der Farbtöne und Oberflächenstrukturen an Ort und Stelle zu testen, wurde das Altstadtareal auf einem Parkplatz im Maßstab 1:5 nachgebaut. 2,20 Meter hohe Farbmuster stellten die Fassaden und in der Gesamtansicht einzelne Häuserzeilen dar. Der entstandene Farbleitplan und seine jeweilig festgelegten objektspezifischen Farbtöne wurden dann meist in drei unterschiedliche Nuancen ausrezeptiert und großflächig als Musterflächen bereitgestellt. Jedes einzelne Objekt wurde besprochen: Sollte der Farbton eine Nuance heller, dunkler, vergrauter oder intensiver sein? Und wie passt das Ganze zur Straßenansicht, zum Nachbarbau, zum eigenen Sandsteinsockel oder anderen begleitenden Materialien und Bauelementen? Aus welchem Bruch stammt der dafür vorgesehene Stein? Fällt er eher gelb oder eher blau aus, hat er eine raue oder eine glatte Oberfläche?

Als die ersten Materialmuster ankamen, mussten einige Farben nachjustiert werden – und das hatte wiederum Auswirkungen auf die Nachbarhäuser. Viele Monate lang wurde bis zur konkreten Bemusterung auf der Baustelle immer wieder in Nuancen „nachgedreht“. Wichtig ist für Schlegel, dass zum Beispiel der Dom eine farbliche Bühne bekommen hat: Denn er ist einer der Kopfbauten des Quartiers, und seine Farbigkeit wird auf der Blickachse vom Römer zum Kirchturm aufgenommen und in Rotnuancen gespiegelt. Aber solche Feinheiten werden wohl den wenigsten Besuchern auffallen, die vom Justitia-Brunnen kommend Schnappschüsse mit ihrem Handy machen. Sie werden nur feststellen, dass der Gesamteindruck stimmig ist.

„Moderne Architektur ist viel farbiger, weil es heute ja ganz andere Pigmente als im 19. Jahrhundert gibt“, erklärt Dr. Christian Brandes, Experte für hochwertige Altbau-Renovierung. In ihrer Haptik entsprächen Silikatfarben am ehesten dem historischen Vorbild, aber auch Kalkfarben, die in der Verarbeitung allerdings aufwendiger sind.

"Moderne Architektur ist viel farbiger, weil es heute ja ganz andere Pigmente als im 19. Jahrhundert gibt."

Vor hundert Jahren wurden den Fassadenanstrichen vor allem Ocker- oder Eisenoxid- Pigmente beigemischt, die aus Erden der näheren Umgebung stammten oder bergmännisch gewonnen wurden. In der Messestadt Frankfurt hat man sicherlich auch mit Pigmentfarben aus anderen Gegenden gehandelt. Aber nur gut betuchte Hausbesitzer konnten sich blaue Fassaden mit Azurit-oder Lapislazuli-Pigmenten oder grüne Fassaden mit Malachit leisten.

Für die beteiligten Malerfirmen war die Logistik das größte Problem. Da es kaum Lagermöglichkeiten auf dem Gelände gab, mussten die Farben „just in time“ angeliefert und auf einem winzigen Platz abgestellt werden. Zeitweise konnte für den Transport des Materials ein Kran genutzt werden, aber häufiger mussten es die Mitarbeiter selbst in die oberen Stockwerke schleppen.

„Das war eine noch nie dagewesene planerische und gestalterische Herausforderung“, sagt Guido Mensinger von den Malerwerkstätten Mensinger (Frankfurt) anerkennend über das Dom-Römer- Projekt. „Wir haben auf dem Gelände zwei Rekonstruktionen und achtzehn gestalterische Neubauten errichtet, ins-gesamt also 20 Fassadengestaltungen“.

"Das war eine noch nie dagewesene planerische und gestalterische Herausforderung."

Die Farbgestaltung der zwei Rekonstruktionsbauten fand er wegen der exakt einzuhaltenden Vorgaben sogar unkomplizierter als die der gestalterischen achtzehn Neubauten. Denn bei diesen musste moderne Gebäudetechnik mit den Wünschen der Architekten in Übereinstimmung gebracht werden. Da halfen nur Kompromisse.

Der von dem Frankfurter Architekten Jochem Jourdan rekonstruierte Renaissancebau „Goldene Waage“ ist mit den Goldverzierungen und integrierten Reststücken des Originalgebäudes der Foto- Star der neuen Altstadt. Das Fachwerk der Fassade besteht aus altem Eichenholz aus historischen Bauten.

Für die beteiligten Malerbetriebe war die historische Fassadengestaltung unter Beachtung von Bauvorschriften, Brandschutz und Energieeffizienz spannend und lehrreich. Nach und nach werden jetzt die 150 Eigentümer oder Mieter in die Häuser einziehen. Und Frankfurt hat eine Touristenattraktion mehr.

 "Der Dom hat eine farbliche Bühne bekommen." 

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